AUFWIND - DAS KLEINE INFORMATIONSBLATT ZUM THEMA LEBENSHAUS
Dank an die Weinsberger für die tolle Aufnahme!
Vorwort
...von Bärbel Schulze, Leiterin des Heimes für chronisch suchtkranke Menschen mit 30 stationären Plätzen in Weinsberg.
In dieser Ausgabe berichten wir Ihnen von den Menschen für die wir dieses Haus gebaut haben.
Im September 2005 zogen die ersten BewohnerInnen ein.
Was sind das für Menschen?
Frauen und Männer, die seit vielen Jahren oder Jahrzehnten Alkohol und Medikamente im gesundheitsschädlichen Maße konsumieren. Durch diesen Missbrauch sind gravierende, teilweise nicht heilbare, körperliche, psychische und soziale Folgewirkungen entstanden, die es ihnen unmöglich machen, mit ihrem Leben selbstständig zurecht zu kommen. Der Alkohol bestimmt das gesamte Leben. Alles andere wird unwichtig. Auch wenn sie nach einem Klinikaufenthalt nicht mehr trinken, sind sie den Anforderungen des Lebens nicht oder nicht mehr gewachsen. Dies für sehr schnell zu Gefühlen des Versagens, Frust und Verletzung, welche wiederum durch das Trinken zugedeckt werden.
Die Bewohner sind im Durchschnitt zwischen 30 und 60 Jahren, wobei eine leichte Tendenz zu jüngeren zu verzeichnen ist. Der Anteil der Männer überwiegt zur Zeit. Sie stammen aus allen sozialen Schichten, sind teilweise aus einem gutbürgerlichen, gesicherten Leben durch ihre Suchterkrankung ganz unten gelandet, haben alles verloren, Familie, Arbeit, soziale Kontakte und letztendlich auch die Achtung vor sich selbst.
Beginn des Suchtkreislaufs oft schon in der Kindheit
Eine andere Gruppe hat nie ein "normales" Leben geführt. Sie kamen jung in den Suchtkreislauf und haben nie gelernt, ihr Leben selbst zu organisieren und zu strukturieren.
Beide Gruppen gemeinsam ist aber das häufige Durchlaufen von Entzugs- und Entwöhungsbehandlungen in Kliniken, die bei vielen durch mehrmalige Aufenthalte in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, in Altenheimen oder einem Leben auf der Straße bzw. bei Frauen auch bei wechselnden Bekannten, unterbrochen waren. Die Fachkliniken erleben diesen "Drehtüreffekt". Die Menschen kommen in immer kürzeren Abständen wieder ins Krankenhaus, werden dort entgiftet, körperlich aufgebaut und wieder nach draußen entlassen.
Das Lebenshaus will diesen Kreislauf unterbrechen. Die zukünftigen Bewohner kommen direkt nach einer Entgiftungs- und /oder Entwöhnungsbehandlung zu uns. Sie bringen den Willen mit, absolut ohne Suchtmittel zu leben und sich auf feste Regeln einzulassen. Dafür erhalten sie ein geschütztes Zuhause, wenn für manche auch nur auf Zeit, Betreuung, Hilfestellung und Training in allen Lebensbereichen. Mit einem Team aus pädagogischen, hauswirtschaftlichen und arbeitserzieherischen Fachkräften wird mit dem einzelnen Bewohner an dem Hauptziel, sich wieder in die Gesellschaft eingliedern zu können, gearbeitet. Die Hilfe, die wir leisten, orientiert sich ganz nah am normalen Leben. Wir wollen den Menschen wohl im geschützten Rahmen, aber dennoch unter möglichst realen Bedingungen ein soziales Training anbieten, damit sie mit sich und ihrer Umwelt wieder zurechtkommen.
Weinsberg hilft helfen! Viele soziale Institutionen haben dort eine Heimat gefunden
Bürgermeister Stefan Thoma:
Die Stadt Weinsberg übernimmt schon seit jeder ein hohes Maß an sozialer Verantwortung. Eine besondere Stärke von Weinsberg ist es, Institutionen, die für soziale Randgruppen zuständig sind, eine Heimat zu bieten. So sind in Weinsberg neben dem Klinikum am Weissenhof mit dem Maßregelvollzug auch die Drogenhilfe Tübingen und der Weinsberger Hilfsverein für psychisch Kranke mit verschiedenen Einrichtungen beheimatet.
So war es eigentlich nur folgerichtig, dass das Lebenshaus der Aufbaugilde in Weinsberg entstanden ist. Der Standort Weinsberg ist durch seine Nähe am Klinikum am Weissenhof, die günstigen Verkehrsanbindungen, das städtische Umfeld mit seinem vielfältigen Angebot im kulturellen, sozialen und sportlichen Bereich sowie den guten Einkaufsmöglichkeiten für diese neue Einrichtung bestens geeignet. Für Menschen, die im gesellschaftlichen Abseits stehen und denen das Leben keine Perspektiven mehr bietet, klann die Einrichtung des Lebenshaus mehr als nur ein Lebensraum sein. Deshalb begrüße ich das Engagement und die Zielsetzung der Aufbaugilde, die betroffenen Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern und ihnen eine Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen.
Dem Lebenshaus kann ich bestätigen, dass es sich in der kurzen Zeit seines Bestehens von nicht einmal drei Jahren sehr gut das soziale Netz der Stadt Weinsberg eingefügt hat und die Konzeption voll aufgeht.
VHS sorgt für Kontakt
"Ort zum Leben mit Leben erfüllen!"
Karin Ludwig, Leiterin der VHS Unterland in Weinsberg:
Mit den Veranstaltungen, die im Lebenshaus angeboten werden, möchte die VHS die Teilnahme der Rehabilitanden am Leben durch Kontakte mit der Bevölkerung unterstützen. Besucher erleben die positive Atomsphäre beim Besuch der Veranstaltungen. Die Bewohner sind herzlich eingeladen und nehmen die Angebote ganz nach ihren persönlichen Möglichkeiten und Neigungen wahr. Vorbehalte werden abgebaut und die Hemmschwelle, miteinander in Kontakt zu kommen, sinkt. Langfristig geht es um eine gezielte Vernetzung unserer Institutionen als kleinen Beitrag zum Integrationsprozess. Eine zentrale Aufgabe der Volkshochschule ist der Grundsatz der sozialen Integration von Randgruppen
Ohne Kirche geht's nicht!
"Diakonie ist eine Wesensäußerung"
Dekan Otto Friedrich:
Die Verantwortlichen der Evangelischen Kirchengemeinde haben das Projekt der Aufbaugilde, in Weinsberg eine Einrichtung für mehrfach chronisch abhängige Menschen zu schaffen, von Anfang an unterstützt.
Diakonie ist nämlich eine Wesensäußerung einer Kirchengemeinde und im Umgang mit den "Mühseligen und Beladenen" wird die Glaubwürdigkeit von Christinnen und Christen sichtbar und spürbar.
Als Kirchengemeinde suchen wir den Kontakt zu den Bewohnern und der Leitung des Hauses und wollen dazu beitragen, dass dadurch gelingendes Leben neue Gestalt gewinnen kann.
"Wir sind die Penner vom Neckar, die Obdachlosen, auf die gespuckt wird...
...die Asozialen, die Rumhänger, die durch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit alle ihre Fähigkeiten verloren haben. Von körperlicher Hygiene bis regelmäßige Mahlzeiten, Arbeitsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit, Artikulation, Umgangsformen. Alles! ich muss erst wieder lernen, mich zu entschuldigen, zu meinen Fehlern zu stehen!"
So beginnt Micha, 39, seit vier Monaten im Lebenshaus unser Gespräch. Er bescheinigt sich ein extrem ausgewachsenes Alkoholproblem.
"Mit 10, 11 Jahren habe ich angefangen zu trinken, mit 15 hatte ich bereits meinen täglichen Rausch."
Damals "funktionierte" er zumindest noch. Schule machte er fertig und eine Ausbildung. "Zu den Prüfungen blieb ich halt nüchtern!" Der Alkoholkonsum steigerte sich. Er ging klauen. Fünf Bewährungsstrafen waren am Laufen, die sechste war im Anmarsch. "Ich wollte unbedingt in den Knast. Ich wusste vor lauter Dreck nicht mehr, wo mir der Kopf steht." In den zweieinhalb Jahren Gefängnis machte er eine Zweitausbildung zum Maschinenschlosser. "Das ist mein Traumjob! Das hat mir richtig Spaß gemacht!" Die Ausbildung beendete er mit der Note 1,6. In dieser Zeit malte er sehr viel und verkaufte seine Bauernmalerei auch.
Die kunstvoll bemalten Holzarbeiten stehen in der Werkstatt des Lebenshauses zum Verkauf.
Auch im Gefängnis ganz es kein Problem an Alkohol zu kommen. Nach seiner Entlassen trank er weiter. Immer mehr! 1999 schmiss er alles hin. "Ich ging auf's Kirchhöfle und fragte: "Wer braucht ne Wohnung?" Von dem Moment an war ich obdachlos."
Er lebte mit seinem besten Freund Tom lange auf dem Lüftungsschacht eines Lebensmittelladens. Nach Toms Tod ging es los mit dem Wodkatrinken, mit dem Komasuff, wie er ihn nennt. Ihm fehlen Wochen seines Lebens. Er weiß nicht, wo er war. Mit fünf Flaschen Wodka am Tag trank er sich weg aus dem Leben, weg von der Tatsache, dass auch der letzte seiner alten Freunde tot ist. In dieser Zeit fror er sich in einer klirrend kalten Nacht bei Minus 20 Grad beide Füße ab. Er merkte es tagelang nicht. Bis sie schwarz wurden und stanken. Dann kam er ins Krankenhaus, Amputation. Dann Reha. Halblebige Prothesen. Krücken.
Hilfeangebote der Aufbaugilde damals? "Viele. Zwischendurch nahm ich sie auch an. Aber im Großen und Ganzen? <Nein danke!> Ich war nur noch dicht. Essen? Nein. Das verzögert nur den Rausch. Genauso wie zu viel Schlafen."
"Wenn die Aufbaugilde nicht wäre, wäre ich hundertprozentig tot!"
Eine Glaubensgemeinschaft war für zwei Jahre sein Zuhause. Ansonsten habe ihm die Aufbaugilde immer wieder auf die Beine geholfen. "Die haben einfach keine Ruhe gegeben", sagte er sehr ernst. Bis er letztendlich alles ausgereizt hatte. "Die Leine war zu Ende. Sie haben mich nur noch in die Klapse kutschiert." Im letzten Augenblick kam die Zusage für das Lebenshaus. Er war eigentlich schon dabei zu gehen. Dahin, wo der Weg für ihn ganz klar zu Ende war.
Vorrangig ist die Sicherung des Überlebens
Wozu alltägliche Dinge wie Körperhygiene, Wäschepflege, gesunde Ernährung, einfache Haushaltsführung gehören. Vorhandene lebenspraktische Fähigkeiten werden verstärkt und ausgebaut, neue erlernt. Von hoher Bedeutung ist auch ein klar geregelter Tagesablauf, also die Struktur des Tages, die dem Leben jedes Einzelnen neue, andere Inhalte geben soll, um somit die bisherige Bedeutung des Alkohols immer mehr in den Hintergrund zu drängen.
Das Ziel ist eine dauerhafte, zufriedene Abstinenz und sicherlich auch in einigen Fällen die soziale und berufliche Widereingliederung bis hin zu einem Neuanfang außerhalb des beschützenden Raumes.
Die Bewohner, die ins Lebenshaus einziehen, sind zu dieser eigenständigen und integrierten Lebensführung nicht in der Lage. Sie brauchen Zeit und intensive Hilfestellung.
Das Lebenshaus ist ein offenes Haus, das gerne Gäste einlädt und Veranstaltungen beherbergt, die Schwellenängste der Bevölkerung abbauen helfen und unseren BewohnerInnen soziale Kontakte ermöglichen. Wir stehen in Kontakt mit der Diakonischen Bezirksstelle, der VHS, der Schulsozialarbeit, der JuLe, der städtischen Jugendarbeit, einem Freundeskreis und einer Arbeitsgemeinschaft.
Und natürlich haben wir jederzeit eine offene Tür und auch einen Kaffee oder Tee für Sie!
Rufen Sie einfach an:
0 71 34 / 13 99 41 0
Gerne können Sie uns auch über unser Kontaktformular erreichen.










